Paraneoplastische Syndrome     Paraneoplastische Syndrome  PDF  (48 KB)

Definition und Bedeutung
  

Paraneoplastische Syndrome sind indirekte Effekte, die durch die Produkte eines Tumors statt durch den Tumor selbst oder seine Metastasen verursacht werden. Die Häufigkeit von paraneoplastischen Syndromen bei Tieren ist nicht bekannt. Die genauesten Beschreibungen von paraneoplastischen Syndromen existieren für den Hund. Das Erkennen von paraneoplastischen Syndromen ist aus verschiedenen Gründen wichtig:

• Paraneoplastische Syndrome können zu einem frühen Zeitpunkt einer Tumorerkrankung
  auftreten. Daher kann die Erkennung eines paraneoplastischen Syndroms bei einer frühzeitigen
  Tumorerkennung helfen.

• Eine Behandlung der metabolischen Abweichungen, die mit paraneoplastischen Syndromen
  assoziiert sind kann nötig sein, um eine effektive Tumortherapie zu gewährleisten.

• Die Ausprägung der paraneoplastisch bedingten Abweichungen ist häufig mit dem Schweregrad
  der Tumorerkrankung assoziiert. Eine Überwachung dieser Abweichungen kann daher hilfreich
  sein, um ein Ansprechen des Tumors auf eine Therapie bzw. eine Rezidivierung oder
  Ausbreitung des Tumorgeschehens festzustellen.

• Paraneoplastische Syndrome selbst können zu schweren klinischen Symptomen und zu
  Notfällen führen. 
    

Kachexie
  

Viele Tiere mit einer Tumorerkrankung zeigen einen starken Gewichtsverlust. Bei der so genannten Krebskachexie kommt es zu einer Abnahme von Muskulatur und Fett, während es bei Hungern vor allem zu einer Abnahme des Fettgewebes kommt. Die Ätiologie der Krebskachexie ist komplex. Entscheidende Faktoren sind unter anderem Anorexie, eine beeinträchtigte Verdauung, Nährstoffbedarf des Tumorgewebes, Verlust von Nährstoffen durch tumorinduzierte Effusionen oder Exsudate sowie eine Reihe von metabolischen oder endokrinen Fehlfunktionen. Viele humorale Faktoren, wie z.B. Zytokine oder Hormone, tragen zur Krebskachexie bei.
Eine zusätzliche Kalorienzufuhr kann die Krebskachexie nicht rückgängig machen.
 

Endokrinopathien
 

Neoplasien, die von endokrinen Geweben ausgehen, produzieren die physiologischen Hormone des Ursprungsgewebes. Da der Organismus nur in einem sehr begrenzten Ausmaß in der Lage ist, diese Hormonproduktion zu regulieren, kommt es zu einer Überproduktion an Hormonen.
In endokrinen Geweben, die verschiedene Zelltypen aufweisen (Pankreas, Hypophyse, Nebennieren, Schilddrüse), geht tumoröses Wachstum üblicherweise nur von einem Zelltyp aus.

In der Tiermedizin sind einige klinisch signifikante paraneoplastische Endokrinopathien bekannt. Zu den häufigen paraneoplastischen Endokrinopathien gehören:

Hyperthyreodismus durch Tumore der Parathyreoidea bei der Katze

Morbus Cushing (Hyperadrenokortizismus) durch Hypophysentumore oder Nebennieren-
  rindentumore bei verschiedenen Tierarten

Hyperkalzämie durch Tumore der Parathyreoidea

Hyperkalzämie durch ektopische Produktion von Nebenschilddrüsenhormonen und neben-
  schilddrüsenassoziierten Proteinen durch Neoplasien. Bei Hunden tritt eine Hyperkalzämie am
  häufigsten in Assoziation mit Analbeutelkarzinomen auf. Bei Katzen kann eine Hyperkalzämie
  mit Melanomen assoziiert sein. Bei Pferden kann eine Hyperkalzämie mit Plattenepithel-
  karzinomen assoziiert sein. Hyperkalzämie zeigt sich klinisch in Form von Muskelschwäche,
  Herzarrhytmie, Anorexie, Vomitus und Nierenversagen mit Polyurie und Polydypsie.

Hypoglykämie, vor allem durch Insulinome und selten durch andere Neoplasien, wie z.B. durch
  Lebertumore. Hypoglykämie zeigt sich klinisch vor allem durch neurologische Symptome, da
  das Nervensystem eine deutliche Glukoseabhängigkeit zeigt.

Hypergastrinämie und Hyperhistaminose durch Mastzelltumore, vor allem durch eine
  systemmische Mastozytose (kutane Mastzelltumore führen nur selten zu systemmischen
  Symptomen). Eine Hypergastrinämie kann zu gastroduodenalen Ulzerationen, Abdominal-
  schmerzen, Vomitus und Gewichtsverlust führen. Hypergastrinämie ist auch als Zollinger-
  Ellison Syndrom bekannt. 
     

Skeletale Syndrome
 

Bei den skeletalen Syndromen spielen in der Tiermedizin vor allem hypertrophe Osteopathie und Myelofibrose eine Rolle.

Hypertrophe Osteopathie kommt bei Hunden und Katzen vor. Klinisch zeigt sich die hyper-
  trophe Osteopathie durch Lahmheit. Röntgenologisch finden sich umfangreiche, periostale
  Knochenzubildungen. Die hypertrophe Osteopathie kann mit einer Reihe von Tumoren
  assoziiert sein, kommt jedoch vor allem im Zusammenhang mit neoplastischen und nicht-
  neoplastischen, raumfordernden Prozessen im Thorax vor. Ätiologisch wird eine Abweichung  
  in der Wachstumshormonproduktion vermutet, ist aber nicht sicher nach gewiesen.

Myelofibrose ist durch ein vermehrtes Wachstum von Fibroblasten im Knochenmark
  gekennzeichnet. Sie kann mit einer myeloproliferativen Erkrankung oder mit Tumoren in
  anderen Lokalisationen assoziiert sein. Die Pathogenese der Myelofibrose ist unklar. 
         

Vaskuläre und hämatologische Syndrome
 

Neoplasien von nichthämatopoetischen Geweben könne zu einer Vielzahl von vaskulären und hämatologischen Syndromen, wie z.B. Eosinophilie oder neutrophile Leukozytose, führen.
Die Ursache dieser Syndrome ist bislang unklar, aber wahrscheinlich spielen zirkulierende Zytokine eine Rolle.

 • Anämie wird häufig bei Tieren mit neoplastischen Erkrankungen beobachtet. Die Gründe für
   eine Anämie sind vielfältig und beinhalten unter anderem chronische Erkrankungen,
   Knochenmarksinvasion durch Tumore, Blutverlust und Hämolyse.

Polyzytämie wird gelegentlich beobachtet und ist mit einer ektopischen Produktion von
  Erythropoetin, vor allem bei Karzinomen der Niere, assoziiert.

Leukozytose wird vor allem bei Hunden mit Karzinomen der Lunge oder der Niere beobachtet.

Hypergammaglobulinämie tritt vor allem bei Hunden und Katzen mit multiplem Myelom,
  primärer Makroglobulinämie und lymphoproliferativen Erkrankungen auf.

Thrombozytopenie wird von ca. einem Drittel der Hunde mit Tumorerkrankungen gezeigt.
  Die Pathogenese dieses paraneoplastischen Syndroms ist mannigfaltig. Insbesondere
  Hämagiosarkome, Lymphome und Melanome können zu einer Thrombozytopenie führen.
  Eine Thrombozytopenie ist häufig mit einer Neutropenie und Anämie vergesellschaftet.

Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) kann sekundär bei jedem großen Tumor und
  insbesondere in Assoziation mit hämatopoetischen Tumoren oder Hämangiosarkomen
  auftreten.

Anämie und DIC werden bei Hunden oft in Assoziation mit Hämangiosarkomen beobachtet.

Hyperviskositätssyndrom kann das Ergebnis einer ausgeprägten Produktion von Immun-
  globulinen sein, z.B. als Folge eines multiplen Myeloms. Das Hyperviskositätssyndrom führt zu
  einer Störung der neurologischen Funktionen, Herzversagen oder Störung der Blutgerinnung.
 

Neurologische Syndrome
 

Paraneoplastische, neurologische Syndrome sind bei Tieren für gewöhnlich mit Hyperkalzämie, Hypoglykämie oder dem Hyperviskositäts-Syndrom assoziiert. Die neurologischen Störungen finden oft in Krämpfen Ausdruck. Primäre Erkrankungen des peripheren Nervensystems wurden ebenfalls beschrieben.

Myasthenia gravis kann gelegentlich in Assoziation mit mediastinalen Tumoren, 
  wie z.B. Thymomen, auftreten. Der Pathomechanismus der Myasthenia gravis ist eine
  Störung der Reizweiterleitung an den neuromuskulären Endplatten.

Periphere Neuropathie kann histologisch in zahlreichen Hunden mit Neoplasien gesehen
  werden. Klinische Symptome sind jedoch selten.

Polyneuropathie tritt selten bei Hunden mit Insulinomen auf. In der Humanmedizin sind viele
  neurologische Symptome immunvermittelt. Dies wird auch bei Tieren vermutet.
 

Kutane Syndrome
 

Es existieren nur wenige Beschreibungen von kutanen Manifestationen bei Hunden und Katzen. Unspezifische Symptome wie Rötung, Alopezie, Amyloidose, Pruritus, exfoliative Dermatitis, Vaskulitis, Dermatomyositis oder nekrolytische Dermatitiden sind mit einer Reihe von Tumoren assoziiert. Im Folgenden sind die wichtigsten, kutanen paraneoplastischen Syndrome aufgeführt:

Feline paraneoplastische Alopezie zeigt sich als symmetrische, bilaterale Alopezie.
  Der symmetrische Haarverlust schreitet vom Bauch zum Kopf und den medialen Extremitäten
  fort. Häufig zeigen betroffene Tiere systemmische Krankheitssymptome. Diese Dermatose
  wurde in Assoziation mit Pankreaskarzinomen und Gallengangskarzinomen beschrieben.

Feline thymomassoziierte, exfoliative Dermatitis wurde in sechs Fällen von Katzen mit
  Thymomen beschrieben. Die Läsion ist durch ein diffuses Erythem der Haut mit Exfoliation und
  Schuppung charakterisiert. Die Läsionen beginnen am Kopf und den Ohrspitzen und breiten
  sich dann generalisiert aus. Der Pathomechanismus ist unklar.

Noduläre Dermatofibrose ist ein paraneoplastisches Syndrom, das vor allem bei Schäfer-
  hunden beschrieben wurde. Es wird vermutet, dass die Erkrankung in einem autosomal
  dominanten Muster vererbt wird. Die Läsionen bestehen aus multiplen, kollagenen Hautknoten.
  Die noduläre Dermatofibrose ist mit Zystadenomen oder zystischen Adenokarzinomen der Niere
  assoziiert. Der Mechanismus der Beziehung zwischen nodulärer Dermatofibrose und zystischen
  Tumoren der Niere ist unklar.

Femininisierungssyndrome durch Hodentumore werden bei 24 - 57% der Hunde mit
  Sertolizelltumoren beschrieben. Gelegentlich treten die Syndrome auch in Assoziation mit
  Leydigzelltumoren oder Seminomen auf. Das Femininisierungssyndrom ist gekennzeichnet
  durch Gynäkomastie, Attraktivität für andere Rüden, pendelndes Präputium, Penisatrophie,
  Plattenepithel-metaplasie der Prostata oder Myelosuppresion in Kombination mit Haut-
  veränderungen. Die wichtigsten Hautveränderungen sind bilateral symmetrische Alopezie
  und Verdünnung der Epidermis. Zudem können Änderungen der Fellfarbe, Melanose und
  präputiale Dermatose auftre ten.

Oberflächliche nekrolytische Dermatitis ist eine nekrotisierende Hauterkrankung bei Hunden,
  die mit inneren Erkrankungen assoziiert ist. Die oberflächliche, nekrolytische Dermatitis tritt für
  gewöhnlich in Assoziation mit einer Hepatopathie auf, was zu dem Namen „hepatokutanes
  Syndrom“ geführt hat. Weiter kann die oberflächliche nekrolytische Dermatitis auch in Assoziation
  mit glukagonsezernierenden Tumoren auftreten. Die wichtigsten, dermatologischen Symptome
  sind Erosionen und Ulzerationen, Alopezie, Exudation, Krusten und Hyperkeratose und
  Rissigkeit der Pfotenballen.

Paraneoplastischer Pemphigus wurde bislang nur einem Hund mit einem mediastinalen
  Lymphom beschrieben. Der Hund zeigte erosive und ulzerative Läsionen und kutane,
  vesikobullöse Läsionen am Kopf, den Extremitäten und dem Rumpf. Der paraneo plastische
  Pemphigus stellt eine sehr seltene Erkrankung in der Tiermedizin dar.

Atrophische Dermatitis (Morbus cushing) kann bei Tieren mit Hypophysentumoren oder
  Nebennierenrindentumoren auftreten. Betroffene Tiere zeigen eine Alopezie, dünn erscheinende
  Haut und oft Hyperpigmentierung.
 
Literatur:
1. McGavin and Zachary: Pathologic basis of veterinary disease, 2007, 4. Auflage, Mosby Elsevier
2. Kessler: Kleintieronkologie, 2005, 2. Auflage, Parey
3. Turek: Cutaneous paraneoplastic syndromes in dogs and cats: a review of the literature,
    Vet. Dermatol. 2003, Dec;14(6):279-96

   

 

Symptom

Assoziierte Tumoren

Systemmisch

Anorexie / Kachexie

Zahlreiche maligne Tumore

Fieber

Zahlreiche maligne Tumore

Endokrin

Hyperkalzämie

-          Malignes Lymphom

-          Multiples Myelom

-          Analbeutelkarzinom

-          Tumore mit Knochenmetastasen

-          Tumore der Parathyreoidea

-          Andere Karzinome

Hypoglykämie

-          Insulinom

-          Lebertumore

-          Malignes Lymphom

-          Leukämie

Hypergastrinämie

-          Gastrinom

-          Mastzelltumor

Morbus Cushing

-          Hypophysentumore

-          Nebennierenrindentumore

Thyrotoxikose

 

Hyperhistaminose

 

Hypercatecholaminämie

 

Hyperöstrogenismus

 

Skeletal

Hypertrophe Osteoarthropathie

(Akropachie)

-          Lungentumore (primär oder Metastasen)

-          Raumfordernde Prozesse im Thorax

Myelofibrose

 

Vaskulär / Hematopoetisch

Leukozytose

-          Zahlreiche Tumore

Thrombozytopenie

-          Zahlreiche Tumore

Erythrozytose

-          Nierentumore (primär oder Metastasen)

Anämie

-          Zahlreiche Tumore

Monoklonale Gammopathien

-          Multiples Myelom

-          Malignes Lymphom

-          Lymphatische Leukämie

Disseminierte intravasale Gerinnung

-          Zahlreiche Tumore, besonders hämatopoetische Tumore oder Hämangiosarkom

Leukopenie

 

Thrombozytose

 

Neurologisch

Polyneuropathie

-          Insulinom

Myasthenia gravis

-          Thymom

Periphere Neuropathie

 

Kutan

Feline paraneoplastische Alopezie

-          Pankreaskarzinom oder Gallengangskarzinom

Feline exfoliative Dermatitis

-          Thymom

Noduläre Dermatofibrose

-          Zystische Nierentumore

Femininisierung

-          Hodentumore

Oberflächliche nekrolytische Dermatitis

-          Hepatopathie

-          Glucagon-sezernierende Tumore

Paraneoplastischer Pemphigus

-          Mediastinales Lymphom

Felines pankreatisches paraneoplastisches Syndrom

-          Azinäres Adenokarzinom des Pankreas

Atrophische Dermatitis ( Morbus Cushing)
 

-          Hypophysentumore

-          Nebennierenrindentumore

 

 

 

 

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